Höflichkeit in anderen Kulturen

Hast du dir schon einmal überlegt, woher das Wort Höflichkeit genau kommt? Die Frage scheint sehr banal, aber wusstest du, dass man sich schon im Mittelalter nach einem Verhaltenskodex gerichtet hat? Die Umgangsformen, die für eben den königlichen Hof und seinen Adel geeignet waren, wurden dann als höflich aufgenommen.

Andere Arten zu agieren waren hingegen nicht für die Klasse und die Exklusivität passend und daher spricht man von diesen seit jeher als Unhöflichkeit. Schon interessant, oder?

Jetzt könntest du dich fragen, warum es für dich als begeisterter Reisender gar nicht mal unwichtig ist, dass du dich höflich in anderen Kulturen zurechtfindest.

Zum einen ist das Reisen sehr viel einfacher, wenn du dich etwas mit den Locals auseinandersetzt, denn viele Backpacker reisen nicht nur zur Selbstfindung, sondern möchten natürlich aus etwas über die Leute der Destination erfahren.

Außerdem erweist du mit Vorwissen über Höflichkeit gutes Taktgefühl und fällst nicht unangenehm auf. Nicht zuletzt werden dich die Einheimischen auch eher mögen, wenn sie sich verstanden und respektiert fühlen.

Allesamt gute Gründe, wieso du dich mit uns kurz in einen Exkurs über Höflichkeit stürzen möchtest. Danach kommen dir sicher einige Eigenheiten deiner Gastkultur gar nicht mehr Spanisch vor und du nimmst sogar viel mehr mit als bloßes Fachchinesisch.

Was genau ist Höflichkeit?

Naja, seit dem Mittelalter haben sich die Gesellschaft sowie ihre Gepflogenheiten natürlich komplett verändert und es kann durchaus nun als unhöflich gelten, was vor Jahrhunderten noch absoluter Standard war oder andersherum.

Das Konzept der Höflichkeit ist uns jedoch geblieben und bestimmt wirklich fast jeden Bereich des alltäglichen und nichtalltäglichen Lebens, wenn man erst einmal darüber nachdenkt. Die Art, miteinander zu sprechen, sich zu kleiden, in bestimmten Situationen zu handeln oder zu reagieren, sind stets unterschwellig bestimmt von richtigen und falschen Verhaltensweisen.

Wissenschaftlich gesehen gibt es besonders in der Kommunikation verschiedene Ansätze, das Thema Höflichkeit zu beschreiben. Hier soll jedoch erstmal reichen, dass diverse Theorien darauf zielen, ein imaginäres, aber individuelles Gesicht zu wahren.

Manche könnten über dieses Konzept besonders im asiatischen Kontext schon gestolpert sein. Denn hier ist die Wahrung der eigenen Ehre das oberste Gebot und jede Gefährdung des Gesichts wird per se als Respektlosigkeit erachtet.

Die Theorien führen dann die Idee weiter aus und behaupten, dass durch jede Art der Kommunikation die Gefahr droht, sein eigenes oder das jeweils andere Gesicht zu verlieren. Um dies zu verhindern, gibt es dann verschiedene Techniken, wie man sich bedankt, etwas indirekt fragt oder sich entschuldigt.

Im Alltag gibt es für diese Kommunikationsstrategien jede Menge Beispiele. Die klassische Bitte und Danke wirkt nämlich schon wahre Wunder! Außerdem wird dir sicherlich schon einmal aufgefallen sein, dass es viel höflicher klingt, wenn du sagst: Könntest du mir bitte helfen, wenn du gerade Zeit hast? statt Würdest du mir mal bitte helfen? oder sogar Hilf mir mal!

In den Beispielen gibt es viele sprachliche Mittel, die auf den Zuhörer netter wirken oder die deine Forderung etwas weicher machen.

Innerhalb einer Kultur

Höflichkeit beruht zwar auf kulturellem Hintergrund, aber ist dennoch recht subjektiv. Bestes Beispiel ist vielleicht der Unterschied der Generationen. Schließlich waren früher gute Tischmanieren und Kavaliersverhalten bei Rendezvous etwas höher als der heutige Standard.

Natürlich gibt es immer noch lobenswerte Männer, die einer Frau aus ihrer Jacke helfen oder darauf bestehen, die Rechnung komplett zu zahlen. Trotzdem scheint es, als wären diese Verhaltensweisen zu Zeiten unsere Großeltern irgendwie wichtiger gewesen.

Das ist nicht schlimm, kann jedoch zu Missverständnissen zwischen Leuten in verschiedenen Lebensphasen führen. Wann hast du zum Beispiel das letzte Mal in Bus und Bahn einer älteren Person deinen Sitzplatz gegeben?

Ein anderer großer Faktor der Höflichkeit in einem Gespräch ist die Sprechergruppe. Auf deinem Arbeitsplatz, zum Beispiel im Büro, ist zumindest in Deutschland das formale Sie noch Gang und Gäbe. Speziell Vorgesetzte und fremde Personen, so wie Kunden, spricht man lieber distanziert und höflich an. Dazu gehört selbstverständlich auch der Nachname.

Dem gegenüber stehen auch immer mehr Firmen, die von Anfang an ein Arbeitsklima per du haben und in denen sich das Kollegium mit Vornamen anspricht – wie man es sonst nur in der Familie und im engeren Freundeskreis machen würde. Alles andere würde sich einfach nicht gehören.

Manieren

In Deutschland

Höflichkeit ist zum Teil subjektiv und zum Teil durch die Erziehung erlernt – so weit, so gut. Wenn nun allerdings Personen von verschiedenen Kulturen aufeinandertreffen, gibt es ja sowieso schon sehr viel Potenzial für Missverständnisse. Das Thema Höflichkeit zählt klar hiermit zu!

Jeder von uns hat schon von Vorurteilen über die Sitten und Bräuche anderer Länder gehört. Denn sicherlich kennt jeder einen, der einen kennt, der in seiner Nachbarschaft einen sehr höflichen Briten oder einen sehr unhöflichen Russen hat.

Solche Klischees führen zwar oft zu nichts, sind aber bei der Integration in Deutschland an der Tagesordnung. Die deutsche Gesellschaft gilt international als kühl-distanziert, fleißig und stets pünktlich.

Allerdings kommt es hier stark darauf an, mit welchen Nationen Deutschland verglichen wird. Niemand würde nämlich abstreiten, dass die Finnen noch reservierter sind, die Chinesen noch härter arbeiten oder die Schweizer genauso pünktlich sind wie ihre Uhrenwerke.

Berechtigt oder nicht – jeder Staat und teilweise auch jeder Landesteil hat eine eigene individuelle Kultur und somit auch verschiedene Vorstellungen über Normen und Etikette. So mag es sein, dass das britische oder kanadische Verständnis von Höflichkeit einen höheren Standard verfolgt als das Amerikanische oder auch das Indische.

Man darf dann jedoch nicht davon ausgehen, dass jeder Kanadier sehr freundlich und jeder US-Amerikaner unverschämt ist, denn Höflichkeit ist wie die eigene Charakterbildung subjektiv.

Höfliches Reisen

Wenn du nun als Rucksack-Reisender durch die Welt wanderst, wirst du mit dem umgekehrten Szenario konfrontiert. Du schneist mit deinem deutschen Verständnis von Höflichkeit in ein nah oder weit entferntes Land, in dem die Einheimischen natürlich selbst ein eigenes – und wahrscheinlich anderes – Konzept von Höflichkeit vertreten.

Dies solltest du berücksichtigen, um nicht negativ aufzufallen. Keiner möchte schließlich Unbehagen, verwunderte Blicke oder Unverständnis auflösen.

Auf der einen Seite solltest du dich so verhalten, dass sich die Locals nicht für dich fremdschämen müssen. Es mag nämlich auch Einheimische geben, die noch nie Kontakt zu ausländischen Reisenden hatten und gar nicht wissen, dass ihr Katalog der Höflichkeit nicht überall der Norm entspricht.

Auf der anderen Seite wirst du auf deinen Reisen auch anderen Backpackern begegnen, die natürlich auch mit ihrem Verständnis von Höflichkeit im Rucksack umherschweifen.

Reisen

Das kleine 1x1

Jede Situation ist anders – auch beim Reisen. Wir haben jetzt einmal versucht, klassische Beispiele zu finden, auf du die besonders achten kannst. Natürlich beruhen die folgenden Tipps auf Verallgemeinerungen und es kann vorkommen, dass Unhöflichkeit in einem bestimmten Umfeld egal ist oder sogar als Höflichkeit empfunden wird.

Stell dir vor, du gehst mit einem Einheimischen ins Restaurant. Bereits bei diesem simplen Treffen gibt es einige Stolperfallen à la Knigge, die du ganz einfach umgehen kannst. Wenn du dir dessen bewusst bist.

- Kleidung: In vielen Kulturen ist es zweitrangig, was deine Kleidungsauswahl bedeckt, sondern, was sie eben nicht bedeckt. Niemand möchte nämlich offenherzig, obszön oder gar billig aussehen. Natürlich solltest du dich auch entsprechend der Lokalität kleiden. In ein erstklassiges Restaurant darfst du gerne die Krawatte auspacken, beim Imbiss um die Ecke sind Flip-Flops völlig okay.

- Verspätung: Nach der Outfitwahl geht es zur Verabredung. Die Frage ist natürlich, wann genau. In der Regel kommen die meisten Südeuropäer und Lateinamerikaner recht verspätet zu Terminen. Das meinen sie dann überhaupt nicht böse, es spielt eben in deren Lebenseinstellung keine große Rolle. In anderen Kulturen – auch in der Deutschen – wird es jedoch schnell als respektlos erachtet, unangekündigt mehr als eine Viertelstunde später als verabredet zu erscheinen. In wieder anderen Kulturen taucht erst gar kein zeitlicher Rahmen auf. Die Kunst liegt hier im Abschätzen durch Menschenkenntnis.

- Manieren zu Tisch: Andere Länder, andere Sitten. Das wird schnell sehr sichtbar, wenn man isst. Während in einigen Länder drauflosgeschmatzt, -gerülpst und mit vollem Mund geredet wird, gelten diese Verhaltensweisen aus europäischer Sicht recht unhöflich. Auch das Essen mit den Fingern oder dem Schmeißen von Essensresten gehören anderswo zum guten Ton. Außerdem variiert die Größe von Portionen und das Teilen von Essen von Land zu Land. Natürlich fließt der Alkohol in manchen Kulturen in rauen Mengen, wohingegen andere Nationalitäten ihm komplett abschwören.

- Gesten: Auch so etwas Selbstverständliches wie Gestik und Mimik können in anderen Kulturen zu Unhöflichkeit führen. Das fängt an bei dem Zählen mit den Fingern und endet beim Zwinkern, Kopfschütteln oder einem traditionellen Okay-Zeichen. Ebenfalls Gestiken wie Victory, dem Vogelzeigen oder Klatschen werden anders aufgefasst, je nach Kultur. Das Zeigen von Zuneigung (Händehalten, Küssen, Umarmungen) ist außerdem in einigen Teilen der Welt verpönt.

- Bezahlung: Wird die Rechnung gerecht geteilt? Gibt jeder aus der Runde den Beitrag, der ihm angemessen erscheint? Oder wird mühselig alles einzeln ausgerechnet? Diese Fragen stellen sich dann zum Ende des Restaurantbesuchs. Die wohl berühmteste Entscheidung steht dabei auch ins Haus: die sagenumwobene Trinkgeldfrage. In manchen Kulturen wie in den USA lebt das Servicepersonal ausschließlich von den 10-20 % Trinkgeld, während in anderen Ländern Trinkgeld als Almosen gesehen werden. Hier solltest du genau den Endpreis deiner Rechnung zahlen, auch wenn es aus der deutschen Perspektive höflich wäre, 5-10 % des Wertes draufzuschlagen, wenn der Service echt gut war.

Fazit

Informiere dich zumindest ein wenig über die Kultur deines Traumzieles. Respektiere Tabu-Themen wie die gebeutelte Geschichte eines Landes, dessen Religion oder gar Gesellschaftskritik. Auch solltest du gegenüber den Staatsreligionen „höflich sein“, also deren Werte und Sitten tolerieren. Und bitte tu uns allen den Gefallen und ziehe ein T-Shirt an, wenn du an eine Strandbar gehst, und trage niemals weiße Socken in Sandalen…

Marvin Erdner

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