Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content

Rumänien und seine Einheimischen

Rumänien – wenn du den Namen dieses osteuropäischen Landes hörst, denkst du bestimmt erst einmal an Transsilvanien und Dracula, nicht unbedingt an Rumänien und seine Einheimischen. Vielleicht denkst du auch daran, dass du in den Karpaten wandern gehen kannst. Möglicherweise bringst du Rumänien auch mit bitterer Armut und schlechter Infrastruktur in Verbindung.

Obwohl all diese Aspekte nicht vollständig von der Hand zu weisen sind, so sind Rumänien und seine Einheimischen viel facettenreicher, als du auf den ersten Blick erahnst. Jeder zehnte Rumäne gehört nämlich einer Minderheit an. Insgesamt gibt es 18 staatlich anerkannte Minderheiten in Rumänien. Gesetzlich ist jeder dieser Minderheiten ein Sitz im Parlament garantiert. Hinzu kommen spezielle Gesetze, um ihre Rechte zu schützen. Leider war das nicht immer so. In diesem Artikel erfährst du, was du alles über die Einheimischen von Rumänien wissen solltest und was sie so besonders macht.

Ungarische Minderheit

Der Oberbegriff der ungarischen Minderheit in Rumänien lautet Szekler. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung liegt bei rund 6,5 %. Somit stellen sie mit rund
1,2 Millionen Menschen die größte Minderheit im Land dar. Auf dem Gebiet des heutigen Rumäniens haben sie sich vor über 800 Jahren angesiedelt. Grund dafür war die Grenzsicherung des Reiches, für welche der damalige ungarische König mehr Leute benötigte. Die Soldaten und Grenzschützer erhielten im Gegenzug bestimmte Privilegien. Vorwiegend leben die Szekler in der Region Siebenbürgen, die erst seit 1920 zu Rumänien gehört. Im Laufe der Geschichte kam es zwischen Rumänen und der ungarischen Minderheit immer wieder zu Auseinandersetzungen und Spannungen. Das lag vor allem an Gesetzen, welche die systematische Unterdrückung der Minderheit förderten. Heute gibt es zwar immer noch Konflikte, allerdings sind diese nicht mehr gewalttätig.

Die Szekler-Kultur ist davon geprägt, dass sie sich von der rumänischen Mehrheit deutlich abgrenzen will. Zwar leben sie in Rumänien, ihre ungarische Identität möchten aber die wenigsten verleugnen. Deswegen triffst du in mehrheitlich von Szeklern bewohnten Gebieten die ungarische Nationalflagge häufiger an als die rumänische. Die Abgrenzung der Szekler von den rumänischen Einwohnenden kannst du aber auch an anderer Stelle sehr gut beobachten: Solltest du durch Siebenbürgen fahren, werden dir auffällig verzierte Einfahrten mit riesigen Holztoren begegnen. Viele der Szekler sind dafür bekannt, ihre Grundstücke besonders aufzuhübschen. Gerade ihre Gärten sind oftmals geschmückter und reichhaltiger als die der Rumänen. Darüber hinaus sind sie bekannt für ihre traditionelle Schnitzkunst. Ihre einmaligen Möbel stechen in einer Szekler Inneneinrichtung als besonderes Highlight heraus.

Trotz ihrer umfangreich dekorierten Grundstücke gelten die Szekler als bodenständig. Ungeachtet ihrer teils schwierigen Lebensverhältnisse, würden die meisten von ihnen nie auf die Idee kommen, ihre Heimat zu verlassen. Die Szekler bestachen immer schon durch eine gewisse Eigensinnigkeit. So kam es auch, dass sie ihre individuelle Kultur entwickelt haben. Ihre Lebensweise und ihre Traditionen unterscheiden sich in Teilen von den ungarischen und sehr stark von den rumänischen.

Deutsche Minderheit

Für die deutsche Minderheit in Rumänien gibt es keine eindeutige Bezeichnung. Das liegt daran, dass es mehrere Gruppen deutscher Minderheiten in Rumänien gibt. Die gängigsten sind Banater Schwaben und Donauschwaben sowie
Siebenbürger Sachsen. Sie leben ebenfalls seit über 800 Jahren in Rumänien und haben sich etwa zeitgleich mit den Szeklern im 13. Jahrhundert angesiedelt. Ähnlich wie die Szekler waren sie dem ungarischen König unterstellt. Ihre Aufgabe war es, neben der militärischen Sicherung, in der Gegend eine funktionierende Wirtschaft aufzubauen. Allerdings ist die Zahl der deutschen Minderheit in Rumänien stark zurückgegangen. Zurückzuführen ist dies vor allem auf Zwangsumsiedlungen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Einerseits wurden viele Deutsche in die Sowjetunion deportiert und andererseits sind viele Menschen aus Angst vor einer solchen Deportation nach Deutschland geflohen. Heute leben noch rund
37 000 Nachfahren deutscher Minderheiten in Rumänien.

Nichtsdestotrotz nehmen sie einen großen Raum in der rumänischen Gesellschaft ein. Ein Mitglied der deutschen Minderheit hat es sogar geschafft, Rumäniens Präsident zu werden. Es gibt deutsche Fernsehsendungen und Tageszeitungen sowie Studiengänge an rumänischen Universitäten in deutscher Sprache. Jedoch sind inzwischen die meisten der Studierenden in diesen Studiengängen Rumänen, die sich dadurch erhoffen, in Deutschland einen Arbeitsplatz zu finden.

Die Umbrella Street in Rumänien mit Einheimischen.

Lipowaner

Lipowaner ist die Bezeichnung einer kleinen russischsprachigen Minderheit von gut 30 000 Menschen. Sie flohen ab der Mitte des 17. Jahrhunderts in den Südosten Rumäniens, wo sie sich vor allem rund um das Donaudelta ansiedelten. Grund für die massenhafte Flucht war eine Reform der orthodoxen Kirche im damaligen Russland. Die lipowanische Gemeinde widersetzte sich damals dieser Reform und wollte ihre Glaubenssätze nicht aufgeben. Dafür wurden sie allerdings in ihrer Heimat verfolgt. Letztendlich entschied sich ein Großteil von ihnen, Russland zu verlassen.

Bis heute haben sie sich nicht dem reformierten orthodoxen Glauben angeschlossen und sind ihren Vorstellungen treu geblieben. Daher werden sie meist als „altorthodox“ oder „altgläubig“ bezeichnet. Neben ihrem Glauben ist auch die Sprache der Lipowaner einzigartig. Zweifellos sprechen sie Russisch. Jedoch das Russisch, welches im 17. Jahrhundert gesprochen wurde. Da die Lipowaner über Jahrhunderte hinweg mehr oder weniger nur unter sich geblieben sind, haben sie nie eine Notwendigkeit darin gesehen, ihre Sprache anzupassen. So kommt es, dass Lipowaner quasi eine altrussische Sprache sprechen, die sich vom modernen Russisch stark unterscheidet. Wobei die altrussische Sprache heute nur noch von den älteren Generationen gesprochen wird und die jungen Leute Rumänisch sprechen.

Sinti und Roma

Keiner weiß genau, wie viele Sinti und Roma in Rumänien leben. Ihre Zahl kann nur geschätzt werden. Leider lässt sich aber sicher sagen, dass viele Klischees bezüglich hoher Arbeitslosigkeit und schlechter Lebensverhältnisse in Teilen zutreffend sind. Die Sinti und Roma stammen ursprünglich aus Indien und kamen im 19. Jahrhundert als Sklaven nach Rumänien. Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden sie, ähnlich wie die Juden, massenhaft ermordet. Noch heute werden sie von großen Teilen der rumänischen Bevölkerung diskriminiert.

Trotz, oder gerade wegen ihrer historischen Verfolgung verfügen sie über eine reichhaltige Kultur. Anhand ihrer Musik kannst du das sehr gut erkennen: Zum einen gibt es sehr viele traurige Lieder über Leid und Schmerz und zum anderen mindestens genauso viel freudige Tanzmusik. Letztere dient im Wesentlichen als Ablenkung vom eigenen Leid. Darüber hinaus ließen sich große Komponisten wie Franz Liszt von der Musik der Sinti und Roma inspirieren. Die Diskriminierung von außen führte dazu, dass die eigene Familie für Sinti und Roma im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden ist. Traditionell stellt sie für viele den einzigen wirklichen Rückzugsort dar. Zudem ist die Weitergabe von Geschichten, Brauchtum und Werten von Generation zu Generation ein wichtiger Bestandteil in Sinti und
Roma-Familien.

Einheimische Rumäniens beim Entlanglaufen einer Straße.

Rumänische Küche

Die traditionelle rumänische Küche ist geprägt von den Einflüssen der vielen Volksgruppen im Land. Trotzdem ergibt es wenig Sinn, einzelne Gerichte bestimmten Minderheiten zuordnen zu wollen. Dafür haben sich im Laufe der
letzten Jahre zu viele Einflüsse vermischt und die Küche unterscheidet sich zwischen den Volksgruppen teilweise kaum.

Zacuscă

Das ist ein sehr beliebter rumänischer Brotaufstrich aus Auberginen, Tomaten und Paprika. Ganz erstaunlich ist dabei, wie aus diesen einfachen Zutaten eine Speise für jede Mahlzeit des Tages entstanden ist. Zacuscă ist nämlich nicht nur fester Bestandteil des Frühstückstisches, vielmehr würzen die Rumänen auch ihr Mittagessen damit. Ein unkomplizierter und köstlicher Aufstrich!

Krautwickler („Sarmale“)

Diese Speise darf ruhig als das Nationalgericht Rumäniens bezeichnet werden. Ob Weihnachten, Trauerfeier oder Familienfest – bei besonderen Anlässen jeder Art darf dieses Gericht nicht fehlen. Übersetzen kannst du Sarmale am ehesten mit Kohlrouladen. Sarmale sind eingelegte Kohlblätter mit einer Füllung aus Hackfleisch, Reis und Dill. Sie können im Prinzip zu jeder Beilage verspeist werden und schmecken einfach deftig-lecker!

Baumstriezel („Colac Secuiesc“)

Diese Spezialität ist ein absolutes Highlight unter den Süßspeisen in Rumänien. Das unverwechselbare an diesem Kuchen ist seine Zubereitung. Traditionell wird der Hefeteig um einen runden Holzspieß gelegt und über einer Feuerstelle gebacken. Der Teig wird während des Backens immer wieder mit geschmolzener Butter bestrichen. Er wird so lange über der Feuerstelle gedreht, bis er goldbraun wird, und anschließend mit grobem Zucker bestreut. Zusätzlich werden dann je nach Geschmack noch Nüsse, Mandeln oder sonstige Aromen hinzugefügt. Somit sind viele geschmackliche Variationen vom Baumstriezel möglich. In ganz Rumänien sind die Szekler dafür bekannt, dass sie in ihren Dörfern entlang der Straßen Baumstriezel zubereiten und verkaufen.

Mentalität der Einheimischen Rumäniens

Über die Rumänen im Allgemeinen hast du möglicherweise schon viele Vorurteile gehört. Zunächst sei noch einmal betont, dass es eben die Rumänen in dem Sinne gar nicht gibt. Rumänien ist so etwas wie die „bunte Tüte“ Europas. Es gibt so viele Prägungen aus vielfältigen Kulturen, welche die Lebensweise aller Einheimischen Rumäniens beeinflussen. Daher ist es immer schwer, von „DEN Rumänen“ zu sprechen. Da die Lebensumstände für viele nicht einfach sind, hat ein großer Teil gelernt, sich durchzuschlagen. Sie versuchen, mit den Mitteln, welche ihnen zur Verfügung stehen, eine Lösung für ihr Problem zu finden. Das hat aber nichts mit Faulheit zu tun, sondern im Gegenteil: Die rumänische Mentalität zeichnet sich durch einen gewissen Einfallsreichtum aus. Wenn du unterwegs eine Panne hast und einen Rumänen nach Hilfe fragst, wird so lange an dem Auto geschraubt, bis es wieder läuft. Eine andere Lösung gibt es für einen Rumänen nicht, denn Geld für Ersatzteile hat dort in der Regel keiner.

Fazit

Rumänien und seine Einheimischen sind sehr facettenreich. Viele der Menschen hier zählen zu einer der 18 staatlich anerkannten Minderheiten in Rumänien. Die größte der Minderheiten ist die ungarische Minderheit, genannt Szekler, welche stolz auf ihre ungarische Identität ist und das auch zeigt. Neben dieser gibt es zudem die deutsche Minderheit, welche sich in mehrere Gruppen unterteilt. Hinzu kommen die Lipowaner, eine kleine russischsprachige Minderheit, welche sich weigerte, ihre eigenen Glaubenssätze aufzugeben, und lange Zeit nur in der altrussischen Sprache kommunizierte. Die Zahl der Sinti und Roma in Rumänien kann nur geschätzt werden. Diese Minderheit wurde früher verfolgt und legt daher sehr viel Wert auf die eigene Familie und ihre Traditionen. Die Vielfältigkeit der Einheimischen spiegelt sich auch in der rumänischen Küche wider. Du solltest bei deinem Besuch auf jeden Fall Sarmale oder auch Colac Secuiesc probieren. Egal, ob du schlussendlich die Hauptstadt besuchen möchtest oder in den Karpaten wandern gehen willst, dir werden auf jeden Fall immer hilfsbereite und überaus aufgeschlossene Einheimische begegnen.

Ähnliche Beiträge

>