Draußen fällt dichter Schnee, der Wind pfeift zwischen den Hochhäusern – und du schlenderst im T-Shirt an Läden, Cafés und Kunstinstallationen vorbei. Genau das macht Montreals unterirdische Stadt so besonders. Unter der Erde zieht sich ein riesiges Tunnelsystem durch die Innenstadt, in dem Einwohner und Besucher bequem von Metrostation zu Metrostation, von Einkaufszentren zu Universitäten und vom Eishockeystadion zurück zum Hotel laufen können.
Für Backpacker ist dieses Netzwerk, das offiziell RÉSO heißt, ein perfekter Ort, um die Stadt im Winter zu erleben, ohne ständig mit Kälte, Schnee und Eis kämpfen zu müssen. Gleichzeitig bekommst du einen spannenden Einblick in Architektur, Alltag und Kultur einer der vielseitigsten Städte Kanadas.
RÉSO – das riesige Netzwerk unter der Innenstadt
Montreals unterirdische Stadt wird oft einfach Underground City genannt. Offiziell trägt das Netzwerk den Namen RÉSO oder auch Le RÉSO – angelehnt an das französische Wort „réseau“ für Netzwerk. Genau darum geht es: Unterirdische Gänge, Ladenpassagen und öffentliche Bereiche verbinden mehr als 60 Gebäude im Zentrum von Montreal zu einem einzigen großen System.
Insgesamt umfasst dieses Tunnelsystem rund 32 Kilometer Fußwege auf einer Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern im Herzen der Stadt. Entlang dieser Wege findest du Geschäfte, Restaurants, Kinos, Hotels, Veranstaltungshallen, Universitäten, Büros und sogar Wohngebäude. In großen Teilen der Innenstadt kannst du von einem Ort zum nächsten laufen, ohne auch nur einen Fuß nach draußen zu setzen.
RÉSO ist eng mit dem U-Bahn-Netz von Montreal verbunden. Mehrere wichtige U-Bahn-Stationen liegen direkt im System, dazu kommen Busbahnhöfe und der zentrale Bahnhof Gare Centrale, also der Hauptbahnhof der Metropole. Dadurch wird die Untergrundstadt zu einer Art zweiter Ebene unter der Erde, die den Verkehrsknotenpunkt der Provinz Québec zusammenhält.
Gerade im Winter, wenn die Temperaturen in Montreal weit unter null fallen und die Kälte durch jede Jacke zu kriechen scheint, ist das Netzwerk für viele Menschen im Alltag unverzichtbar. Schätzungen zufolge nutzen an einem typischen Tag rund 500.000 Menschen die unterirdische Stadt – von Pendlern über Studierende bis zu Besuchern aus der ganzen Welt.
Wie die Untergrundstadt Montréal entstanden ist
Die Idee hinter der Untergrundstadt Montréal ist älter, als viele denken. Anfang der 1960er-Jahre wollte die Stadtmitte im Geschäftsviertel moderner werden. Unterhalb der heutigen Place Ville Marie lag damals ein offener Bahngraben, der optisch nicht zum neuen Gesicht der Stadt passte. Beim Bau des gleichnamigen Wolkenkratzers mit unterirdischem Einkaufszentrum entstand 1962 der erste Abschnitt des heutigen RÉSO.
Mit dem Bau der Metro ab Mitte der 1960er-Jahre wuchs die Untergrundstadt Schritt für Schritt. Neue Tunnel verbanden Place Ville Marie mit der Gare Centrale, später wurden weitere Komplexe wie Place Bonaventure, Bürogebäude, Hotels und Einkaufszentren angeschlossen. Besonders in den Jahren rund um die Expo 67 wurde kräftig unter der Erde gebaut, damit Menschen bequem zwischen Metrostation, Bahnhof, Büros und Messehallen wechseln konnten.
In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen moderne Büro- und Geschäftstürme dazu. Viele neue Gebäude wurden von Anfang an so geplant, dass sie direkt an das bestehende Netzwerk anschließen konnten. Heute befinden sich ein großer Teil der Büroflächen im Zentrum und viele Einkaufszentren im Bereich des RÉSO. Die Untergrundstadt ist damit kein separates Bauwerk mehr, sondern ein integraler Teil der gesamten Stadt.
Trotz des Namens liegt nicht alles unter der Erde. Einige Abschnitte befinden sich auf Straßenniveau oder sind durch überdachte Übergänge zwischen Wolkenkratzern verbunden. Der Begriff „unterirdische Stadt“ beschreibt eher das Gefühl, dich im „Bauch“ von Montreal zu bewegen – unter Hochhäusern, Straßen und Plätzen, während oben die Metropole weiterläuft.
Orientierung im Labyrinth: wichtige Zugänge und Bereiche
Auf den ersten Blick wirkt die Untergrundstadt Montréal wie ein riesiges Labyrinth aus Gängen, Rolltreppen und Ladenpassagen. Mit ein paar Orientierungspunkten bekommst du aber schnell ein Gefühl für das System.
Wichtige Startpunkte für deinen Besuch sind vor allem Metrostationen, die direkt an das Netzwerk anschließen:
- McGill: perfekter Einstieg zwischen Einkaufszentren, Läden und Universitäten in der Innenstadt
- Peel: Zugang zu vielen Geschäften, Läden und Restaurants entlang der Rue Sainte-Catherine
- Bonaventure: Verbindung zu Gare Centrale, Hotels und Messeflächen
- Place-d’Armes: Nähe zum Konferenzzentrum und zur Basilika Notre-Dame
- Lucien-L’Allier: Zugang zum Eishockeystadion Bell Centre und den angrenzenden Bürokomplexen
Im zentralen Teil des RÉSO liegen einige besonders interessante Bereiche:
- Place Ville Marie: einer der bekanntesten Wolkenkratzer von Montreal mit unterirdischem Shoppingbereich und direktem Zugang zur Gare Centrale
- Eaton Centre und benachbarte Einkaufszentren: große Komplexe mit Modeketten, Food Courts und Ladenflächen direkt an mehreren Metrozugängen
- Complexe Desjardins nahe Place-des-Arts: moderner Mix aus Geschäften, Restaurants, Veranstaltungshallen und Büros
- Place de la Cité Internationale: Teil des Quartier international mit interessanter Architektur und Verbindung zum Palais des Congrès
Viele Bereiche im RÉSO führen dich ganz automatisch an wichtigen Sehenswürdigkeiten vorbei. Du bewegst dich unter dem Geschäftsviertel von Ville-Marie, bist nur wenige Schritte von der Notre-Dame-Basilika, dem Konferenzzentrum oder den Kulturstätten im Quartier des Spectacles entfernt. Gleichzeitig bleibst du im Warmen und musst dich nicht durch Schneematsch kämpfen, wenn mal wieder dichter Schnee fällt.
Shopping, Kultur und Alltag unter der Erde
RÉSO ist viel mehr als ein großes Einkaufszentrum. Du erlebst einen echten Mix aus Alltag, Freizeit und Kultur. In den unterirdischen Bereichen der Innenstadt findest du:
- große Malls mit internationalen Ketten und kleinen Läden
- Restaurants, Cafés und Food Courts mit Küche aus der ganzen Welt
- Kinos, Veranstaltungssäle und kleinere Veranstaltungshallen
- Zugänge zu Museen, Theatern und Universitäten
Gerade im Winter verlagert sich ein großer Teil des Stadtlebens ins Untergeschoss. Viele Einwohner nutzen die Untergrundstadt, um zur Arbeit zu kommen, schnell etwas zu einkaufen oder Freunde auf einen Kaffee zu treffen. Du läufst also nicht durch eine sterile Passage, sondern durch einen lebendigen öffentlichen Raum.
Sehenswerte Kontraste findest du dort, wo sich historische und moderne Architektur begegnen. Über dir ragt der Büroturm der Place Ville Marie in den Himmel, während du unten durch moderne Ladenpassagen mit Glas, Stahl und Kunstinstallationen spazierst. In Richtung Mont Royal erhebt sich der Hügel, der der Stadt ihren Namen gab, während du dich weiter durch die Untergrundstadt bewegst.
Durch die direkte Verbindung mit der U-Bahn kannst du deine Route flexibel planen. Du steigst an einer Metrostation ein, läufst ein Stück unter der Erde, legst einen Stopp im Einkaufszentrum ein, nimmst dann einen Zug zu einer anderen Station und setzt dort deinen Weg im RÉSO fort. So kombinierst du Sightseeing an der Oberfläche mit entspannten Wegen im Trockenen.
Praktische Tipps für deinen Besuch im Winter und Sommer
Die Untergrundstadt Montréal ist vor allem im Winter ein Highlight, lohnt sich aber auch im Sommer. Ein paar Tipps helfen dir, das Maximum aus deinem Besuch herauszuholen:
- Starte an einer Metrostation
Besonders geeignet sind McGill, Peel oder Bonaventure. Dort gibt es viele Hinweisschilder zum RÉSO, und du bist mitten im Zentrum. - Hol dir eine Übersichtskarte
In vielen Stationen liegen Pläne aus, auf denen RÉSO mit Farbe hervorgehoben ist. So siehst du auf einen Blick, wie das Netzwerk verläuft und welche Einkaufszentren, Hotels oder Restaurants in deiner Nähe liegen. - Plane Zeit ein
RÉSO ist groß. Wenn du mehrere Bereiche wie Place Ville Marie, Eaton Centre oder Complexe Desjardins sehen möchtest, solltest du mindestens einen halben Tag einplanen. - Achte auf Öffnungszeiten
Die Wege selbst orientieren sich oft an den Zeiten der Metro, viele Geschäfte und Food Courts schließen aber abends früher. - Kombiniere oben und unten
Ein Spaziergang zum alten Hafen, ein Abstecher zur Notre-Dame-Basilika oder ein Blick Richtung USA über den Sankt-Lorenz-Strom lassen sich gut mit einem unterirdischen Abschnitt verbinden, wenn das Wetter umschlägt.
Für Backpacker ist die Untergrundstadt Montréal eine Art Wetterschutzschild und gleichzeitig ein spannender Einblick in das urbane Leben im Osten Kanadas. Du bewegst dich durch ein riesiges Netzwerk aus Tunneln, Plätzen und Passagen, erlebst die Stadt im „Bauch“ der Metropole und kannst jederzeit wieder an die Oberfläche wechseln – zum Beispiel, um den Blick vom Mont Royal auf die Skyline und die vielen Wolkenkratzer zu genießen.



