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November 18

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Kattowitz ist gar nicht mal so hässlich

Kattowitz soll ja bekanntlich die hässlichste Stadt Polens sein. Von Reisenden aus anderen Ländern wird die Stadt kaum beachtet. Sogar in Polen selbst wirst du wohl eher ungläubige Blicke ernten, wenn du erwähnst, dass du nach Kattowitz fährst. Dabei hat sich Kattowitz stark verändert. Klar, früher war Kattowitz hauptsächlich ein Wohnort für die Arbeiter der Kohleminen, die sich nahe der Stadt befand. Aber sie hat sich seitdem stark verändert.

Eigentlich war die Stadt damals nur eine kleine Zwischenstation auf unserer Fahrt nach Warschau. Wir wurden damals vor einem tristen und grauen Kattowitz gewarnt, aber am Ende haben wir unseren Aufenthalt in einer hellen und blühenden Stadt mit einer wachsenden Streetfood-Szene, Unmengen von Grünflächen und moderner Architektur genossen. Auch wenn sie nicht mit farbenfrohen Städten posen und mit Breslau konkurrieren kann, hat Kattowitz in kurzer Zeit doch sehr viel erreicht.

Gut gestaltete öffentliche Räume erwachen im Sommer zum Leben und die Stadt beherbergt das ganze Jahr über Dutzende von kulturellen Veranstaltungen. Kattowitz ist eine der modernsten Städte Polens und hat es geschafft, sich so schnell neu zu erfinden, dass es selbst dem größten Teil des eigenen Landes noch nicht aufgefallen ist.

Leider hält sich aber noch immer das Bild in den Köpfen der Menschen, dass Kattowitz eine langweilige, graue Stadt ist und nur aus Plattenbauten besteht. Okay, wir können natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Kattowitz früher wirklich mal eine wahrhaft hässliche Stadt war. Die Betonung liegt hier aber auf dem Wort „früher“. Heute befindest du dich bei deinem Besuch in einer Stadt, die ein großes und dringend notwendiges Facelifting hinter sich hat. Nach dem Versuch, 2016 Kulturhauptstadt Europas zu werden, wird Kattowitz auch als "Stadt der Gärten" bezeichnet. Mittlerweile ist sie eine überraschend innovative und moderne Stadt. Wir sind uns sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Reisende aus aller Welt erkennen, welches Potenzial die Stadt hat.

Wir möchten natürlich auch mit dazu beitragen, den leider immer noch vorhandenen schlechten Ruf der Stadt zu verbessern. Darum haben wir beschlossen, dir zu verraten, warum Kattowitz unserer Meinung nach doch eine Chance verdient hat, dein nächstes Reiseziel zu werden.

Die Kulturzone

Sogar noch in den Neunzigern wurde in Kattowitz Kohle abgebaut. Heute wimmelt es im Gebiet um das ehemalige Bergwerk vor Leben. Hier findest du das Kultur- und Unterhaltungszentrum der Stadt, das Hunderte von Besuchern anzieht. Die Kulturzone ist ein perfektes Beispiel für die Nutzung des postindustriellen Gebietes und die Rückgewinnung von städtischem Raum für die Einheimischen.

Im Schlesischen Museum lernst du die Geschichte der Region kennen. Die Eröffnung des neuen Heims des Museums ist vielleicht die größte der jüngsten Änderungen in Kattowitz. Der Umfang des Museums, die Dauerausstellungen und die architektonischen Vorzüge der neu gestalteten unterirdischen Räume werden dich bestimmt so wie uns beeindrucken.

Wenn du dich dem Schlesischen Museum vom Stadtzentrum aus näherst, ist das erste sichtbare Element des Museums der herausragende Förderturm des ehemaligen Kohlebergwerks. Von diesen gibt es in Schlesien noch Dutzende, viele von ihnen sind sogar bis heute in Betrieb. In Kattowitz wurde Kohle zuletzt aber im Jahr 1999 gefördert. Danach wurde der gesamte Komplex des Kattowitzer Kohlebergwerks nach 176 Jahren Betrieb für immer geschlossen. Heute ist die beeindruckende Stahlkonstruktion zu einem mit einem Aufzug zugänglichen Aussichtsturm umgebaut worden. Von oben kannst du einen guten Blick auf Kattowitz und andere nahe gelegene schlesische Vororte erhaschen.

Ein weiteres auffälliges Merkmal, das dir bestimmt auffallen wird, sind die großen transparenten Glasgebäude, die die gesamte Fläche des Geländes bedecken. Deren Erscheinungsbild bietet einen modernen Kontrast zu den historischen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert, die den Rest des Ausstellungsraums des Museums ausmachen. Wir sind der Meinung, dass dieses großartige Museum für jeden Schlesier, Polen und auch für jeden Touristen, der schlesischen Boden betritt, ein Muss sein sollte.

Die Fassade des Polnischen Nationalen Rundfunkorchesters „NOSPR“ ist eine Anlehnung an das alte Arbeiterviertel Nikiszowiec. Natürlich wird dich bestimmt schon das Äußere beeindrucken, aber das ist nur ein Vorgeschmack für das, was dich drinnen erwartet. Der Saal wird dir buchstäblich den Atem rauben. Die vorhandene Akustik gilt übrigens sogar als eine der besten in Europa.

Als das Grüne Tal wird die Passage zwischen dem UFO-förmigen Spodek und dem Internationalen Kongress „MCK“ bezeichnet. Es ist heute ein Ort der Ruhe und der Begegnung mitten im Zentrum der Metropole. Für dich wird es sich auf jeden Fall lohnen, einen Spaziergang zu machen. Dabei kannst du die Form des berühmten Spodek von der Terrasse des Freizeitzentrums MCK aus bewundern. Selbst 50 Jahren nach seiner Eröffnung gilt es immer noch als eines der originellsten Gebäude des Landes. Die beiden Bauwerke erschaffen eine einzigartige Atmosphäre, die das neue Gesicht von Kattowitz repräsentiert.


Moderne und einladende Straßen zum Verweilen

Die Ulica Mariacka war früher ein verwahrloster Teil der Stadt. Anfang 2010 wurde sie jedoch umfassend umgestaltet. Heute findest du hier eine Fußgängerzone, die bei den Einheimischen ein beliebter Ort geworden ist. Viele Bars und die zunehmende Zahl von Restaurants ziehen regelmäßig Menschen an, die sich hier die Zeit vertreiben wollen. Die Ulica Mariacka ist zudem ein beliebter Ort für Veranstaltungen im Freien und kann in warmen Frühlings- und Sommernächten ziemlich gut gefüllt sein.

Die seit 2012 umfassend modernisierte Ulica 3 Maja gilt als eine der teuersten Einkaufsstraßen des Landes. Sie ist eines der wichtigsten Zentren des öffentlichen Lebens in Kattowitz. Die Straße verläuft neben dem Hauptbahnhof und beherbergt zahlreiche Geschäfte, Bars und Restaurants.

Viele Kirchen zum Bestaunen

Polen ist ein überwiegend katholisch geprägtes Land. Dementsprechend dürfen in einer polnischen Stadt auch keine Kirchen fehlen. Und genau von denen hat Kattowitz mehr als genug zu bieten.

Die größte Kirche von Kattowitz und übrigens auch von ganz Polen ist die Christkönigskathedrale. Der Bau dieser kolossalen Erzkathedrale begann 1927 und wurde – nach einer Bauunterbrechung im Zweiten Weltkrieg - 1955 fertiggestellt. Wenn es dich mal nach Kattowitz verschlägt, bemerkst du bei dieser Kirche sicher auch die neoklassizistische Architektur. Diese wird besonders durch eine 40 Meter hohe Kuppel und einen ehrfurchtgebietenden Portikus verkörpert. Trotz der klassischen Linienführung ist die Kirche ein durch und durch modernes Gebäude mit einer Struktur aus Stahlbeton, das mit Dolomit aus den nahe gelegenen Steinbrüchen verkleidet wurde.

Am Ende der Ulica Mariacka findest du die ebenfalls imposante Marienkirche. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts blühte die Stadt so richtig auf und viele neue Einwohner zogen nach Kattowitz. Natürlich brauchten all diese neuen Bewohner dann auch ein Gotteshaus. Die Antwort war die Marienkirche, die in den 1860er Jahren errichtet wurde. Und obwohl es sich hierbei um einen vergleichsweise recht neuen Bau handelt, hat diese Kirche einen hohen Wert, da viele der angesehensten Künstler der damaligen Zeit an ihrer Ausstattung und Dekoration arbeiteten.

Die einzigartige Architektur von Kattowitz

Da Kattowitz erst 1865 den Status einer Stadt erlangte, hat sie nicht die mittelalterliche Idylle von Krakau zu bieten. Aber du solltest nicht denken, dass die Architektur der Stadt deswegen langweilig wäre.

Śródmieście, das Stadtzentrum, wurde im 19. Jahrhundert auf einen Schlag gebaut. Damals wurde es wegen seiner vielen palastartigen Mietskasernen im Jugendstil oft mit Paris verglichen. Einige Beispiele dafür findest du an der Ulica Mickiewicza, insbesondere das Eckgebäude. Oder das atemberaubende Monopol-Hotel an der Ulika Dworcowa 5 aus dem Jahr 1902. Der Marktplatz von Śródmieście ist ein Sammelsurium der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts mit modernistischen, neoklassizistischen und sozialistischen Gebäuden.

Wenige Minuten zu Fuß vom Zentrum von Kattowitz entfernt findest du ein eindrucksvolles Stück des polnischen Kulturerbes. Nikiszowiec ein unversehrtes Stadtviertel, das für die Bergleute der Zeche gebaut wurde. Das Viertel war von seiner Fertigstellung 1918 bis zu seiner Übernahme durch Kattowitz im Jahr 1951 eine eigenständige, unabhängige Stadt. Die Siedlung verfügte über miteinander verbundene Häuser, die jeweils 12 Wohnungen enthielten und oft durch Arkaden im Erdgeschoss miteinander verbunden waren.

Das wichtigste kulturelle Erbe von Kattowitz sind die Gebäude und Stätten, die während der intensiven Industrialisierung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind. Damals wurden 250 Stadtviertel für die Bergarbeiter gebaut. Im Viertel Nikiszowiec bekommst du den wohl besten Einblick in diese Art von Architektur. Das sind vor allem charakteristische Ziegelsteine, rote Fensterbordüren und Blumenmosaike an den Wänden.

Nikiszowiec wurde damals als eigenständige Wohnsiedlung geplant, die den Arbeitern alle notwendigen Einrichtungen bietet. Alles in einem einheitlichen, aber nicht allzu langweiligen Baustil. Heute ist das Viertel in mehreren Registern als Kulturerbe eingetragen. Die Einwohner von Kattowitz sind sich auch sicher, dass Nikiszowiec eine gute Chance hat, in Zukunft von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt zu werden.

Fazit

Nun, es ist natürlich Fakt, dass du in Kattowitz nicht die tollen Altstädte vorfinden wirst wie in Breslau. Aber das muss auch nicht schlecht sein. Kattowitz hat sich so sehr verändert, aber natürlich geht nicht alles von heute auf morgen. Klar findest du hier noch mehr Plattenbauten als in den meisten anderen polnischen Städten, das verleiht der Stadt aber auch irgendwie einen industriellen Charme.

Die meisten Sehenswürdigkeiten fokussieren sich natürlich auf die Vergangenheit der Stadt als Industriestandort. Das beste Beispiel dafür ist der stillgelegte Förderturm, den du heute als Aussichtsplattform nutzen kannst. Von dort oben kannst du über die weiten Landschaften Schlesiens blicken. Zudem findest du auch tolle Kirchen und die Ulica Magicka ist die perfekte Location, wenn du dich für Street-Art interessierst. Außerdem findest du hier noch eine Menge an Bars, in denen du in das Nachtleben der Stadt eintauchen kannst.

Wir sind der Meinung, dass Kattowitz heute zu Unrecht als hässliche Stadt abgestempelt wird. Natürlich tun wir uns eh schon schwer, einen Ort als hässlich zu bezeichnen, denn Schönheit liegt immer im Auge des Charakters. Und wenn du der Stadt doch mal eine Chance gibst, wirst du bestimmt auch den eigenartigen Mix aus industriellem Charme und modernen Gebäuden zu schätzen wissen.

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